Schreib mich neu · Kapitel XII: Mein Urteil war die Ehe

Ich bin die Letzte in dieser Reihe, und ich bin die Einzige, die als Kriegerin angefangen hat.

Jetzt antwortet sie selbst — mit ihrer eigenen Stimme.
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Das ist wichtig, denn bei mir kann man den Mechanismus in seiner reinsten Form sehen.

Bei den anderen musste man erst die Anklage auseinandernehmen, um zu sehen, was wirklich bestraft wurde.

Bei mir steht es im Text.

I. Mein Verbrechen war Ungehorsam. Mein Urteil war die Ehe.

Ich war Walküre. Das war meine Arbeit: über Schlachten fliegen und entscheiden, wer fällt.

Und einmal habe ich anders entschieden als Odin. Ich habe dem König den Sieg gegeben, von dem ich fand, dass er ihn verdient hatte — nicht dem, den er befohlen hatte.

Das war mein Vergehen. Nicht Verrat, nicht Mord, nicht Feigheit.

Ich habe mein eigenes Urteil gefällt.

Und nun das Urteil, das über mich verhängt wurde. Lesen Sie es langsam, denn es ist die klarste Formulierung dieser ganzen Serie:

Du wirst nicht mehr kämpfen. Du wirst schlafen. Und du wirst heiraten.

Man hat mich in Schlaf gelegt, mit einem Feuerring umgeben, und dazu verurteilt, Ehefrau zu werden.

Verstehen Sie, was hier geschieht? Die Strafe für eine Frau, die ihre Arbeit zu selbständig getan hat, ist nicht der Tod. Es ist die Rückführung in die Rolle.

Elf Kapitel lang habe ich zugesehen, wie andere Frauen für Katastrophen verantwortlich gemacht wurden, die Männer angerichtet hatten. Bei mir hat man sich diesen Umweg gespart.

Ich wurde direkt dafür bestraft, dass ich zu gut und zu eigenständig war.

II. Niemand hat mich je besiegt

Im Nibelungenlied bin ich die Königin von Island, und es steht ausdrücklich da: ich bin stärker als jeder Mann.

Wer um mich werben will, muss gegen mich antreten — Speerwurf, Steinwurf, Sprung. Wer verliert, verliert den Kopf. Viele haben verloren.

Dann kommt Gunther, König der Burgunden.

Gunther hat keine Chance. Das weiß er, das wissen alle.

Also nimmt Siegfried die Tarnkappe, macht sich unsichtbar, stellt sich neben Gunther und wirft für ihn. Gunther bewegt nur die Arme.

Ich verliere gegen einen Mann, der nicht wirft, weil ein zweiter Mann unsichtbar neben ihm steht.

Halten Sie das bitte fest, denn es steht so im Nationalepos:

Ich bin nie besiegt worden. Ich bin betrogen worden.

III. Die Hochzeitsnacht

Und dann kommt die Szene, über die selten gesprochen wird, obwohl sie im Zentrum des Textes steht.

In der Hochzeitsnacht weigere ich mich. Gunther versucht Gewalt. Ich bin stärker. Ich fessele ihn und hänge ihn an einen Nagel an der Wand, wo er die Nacht verbringt.

In der zweiten Nacht schickt man wieder Siegfried. Unsichtbar, im Dunkeln, an Gunthers Stelle. Er ringt mich nieder, bis meine Kraft gebrochen ist. Er nimmt mir Ring und Gürtel.

Dann tritt Gunther an seine Stelle.

Ich sage es so nüchtern, wie es der Text hergibt: die Gründungsszene des deutschen Nationalepos ist eine Vergewaltigung durch Täuschung.

Danach bin ich, im Text, nicht mehr stark. Die Kraft ist weg.

Und von diesem Moment an behandelt das Epos meinen Zorn als das eigentliche Problem.

IV. Der Streit der Königinnen: sehen Sie, wer zuschaut

Jahre später, vor dem Dom zu Worms, der berühmte Streit.

Kriemhild und ich streiten darüber, wer Vortritt hat. Und dann zeigt sie mir Ring und Gürtel und sagt mir, wer in jener Nacht wirklich bei mir war.

So erfahre ich es. Nicht von Gunther. Nicht von Siegfried. Von der anderen Frau, im Streit, in der Öffentlichkeit.

Und was folgt in der Erzählung? Der Streit der Königinnen — so heißt die Szene bis heute. Zwei Frauen zanken, und daraus entsteht der Untergang.

Sehen Sie sich an, wer in dieser Szene eigentlich handelt.

Der Betrug: Siegfried und Gunther. Die Lüge über Jahre: Siegfried und Gunther. Die Weitergabe der Beweise: Siegfried, der Ring und Gürtel überhaupt erst weitergegeben hat.

Zwei Frauen erfahren die Wahrheit über das, was Männer getan haben, und geraten aneinander.

Und die Überschrift, die die Jahrhunderte überlebt hat, lautet nicht «der Betrug der Könige».

Sie lautet «der Streit der Königinnen».

V. Wer hat eigentlich getötet

Danach wird Siegfried ermordet. Hagen sticht ihn in den Rücken, an der Quelle, im Wald.

Hagen ist ein Mann. Gunther, der zustimmt, ist ein Mann.

Dann Kriemhilds Rache, jahrzehntelang vorbereitet, und am Ende der vollständige Untergang der Burgunden. Ein ganzes Volk ausgelöscht.

Und die Deutung, die sich durchgesetzt hat, lautet: zwei Frauen haben ein Reich vernichtet.

Im ersten Kapitel dieser Serie sagt Dalji denselben Satz über China: Der Untergang der Shang steht in den Quellen, dreißig Jahre Krieg, sieben Schriftzeichen im Zuo Zhuan. Und erinnert wird eine Frau.

Es ist derselbe Vorgang, in einer anderen Sprache.

VI. Der Helm ist erfunden

Und jetzt etwas, das Sie vielleicht überraschen wird.

Sie sehen mich vor sich: Brustpanzer, blonde Zöpfe, Speer — und der Hörnerhelm.

Diesen Helm hat es nie gegeben.

Wikinger trugen keine Hörnerhelme. Es gibt dafür keinen archäologischen Befund. Der Helm stammt vom Kostümbildner Carl Emil Doepler, der ihn für die Uraufführung von Wagners Ring in Bayreuth 1876 entworfen hat.

Ein Bühnenkostüm von 1876 ist zum Bild einer ganzen Mythologie geworden.

Sie kennen dieses Muster inzwischen.

Evas Apfel steht nicht in der Bibel — er kommt aus einem lateinischen Wortspiel.

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Pandoras Büchse war ein Vorratsgefäß — die Büchse ist ein Übersetzungsfehler.

Mein Helm ist eine Requisite aus dem 19. Jahrhundert.

Drei Frauen, drei Kulturen. Und der Gegenstand, an dem die Welt uns erkennt, ist in allen drei Fällen erfunden.

Mein Name bedeutet übrigens Brünne und Kampf. Panzer und Schlacht.

Geblieben ist ein Kostüm.

VII. Ich beende die Welt der Götter — und bleibe „die dicke Dame"

Bei Wagner steht am Ende das größte Bild, das mir je gegeben wurde.

Ich nehme den Ring. Ich reite ins Feuer. Der Rhein tritt über die Ufer, Walhall brennt, und die Herrschaft der Götter ist zu Ende.

Ich beende eine Weltordnung.

Und was ist davon im Alltag übrig geblieben?

Im Englischen sagt man: «It ain't over till the fat lady sings.» — Es ist nicht vorbei, bis die dicke Dame singt.

Die dicke Dame bin ich.

Eine Frau, die den Himmel niederbrennt, ist zu einer Redensart über Übergewicht geworden.

Im elften Kapitel steht Messalina als Kleinbuchstabe im Wörterbuch. Bei mir ist es kein Wörterbucheintrag, sondern eine Redewendung — aber der Vorgang ist identisch:

Am Ende bleibt kein Urteil. Am Ende bleibt eine Wendung, die man benutzt, ohne nachzudenken.

VIII. Zwölf Kapitel, zwölf Sprachen, eine Maschine

Das hier ist das letzte Kapitel. Also fasse ich zusammen, was wir gefunden haben.

Dalji — die früheste Anklage war eine Zeile: ein König hörte auf eine Frau. Alles Übrige wuchs in dreitausend Jahren nach.

Eva — der Apfel steht nicht im Text, und Adam stand die ganze Zeit daneben.

Frau Huarui — sie antwortete selbst, in vier Zeilen. Die Einordnung blieb.

La Malinche — zweimal verschenkt vor ihrem fünfzehnten Lebensjahr. Ihr Name wurde ein Wort.

Tamamo-no-Mae — hat nie existiert und hat die ausführlichste Akte.

Pandora — die Büchse ist ein Übersetzungsfehler, gefüllt hat das Gefäß Zeus.

Jang Nok-su — das erste Massaker fand vier Jahre vor ihrer Ankunft statt.

Draupadi und Sita — die eine stellte eine Frage, die niemand beantwortete; die andere bestand die Probe und wurde trotzdem verstoßen.

Isebel — ihr Name wurde im Text selbst zu einem Schimpfwort umpunktiert.

Marie-Antoinette — den berühmtesten Satz hat sie nie gesagt.

Messalina — steht klein geschrieben im Wörterbuch, und die Quelle ist eine Satire gegen die Ehe.

Und ich.

Ich bin der Fall, in dem die Maschine nicht einmal mehr eine Katastrophe braucht.

Bei den anderen gab es immer etwas zu erklären: ein gefallenes Reich, eine verlorene Schlacht, eine Seuche, einen Staatsbankrott.

Bei mir gab es nichts davon. Ich habe kein Reich gestürzt, als man mich verurteilte.

Ich hatte nur anders entschieden als der Mann über mir.

Das genügte.

IX. Was diese Serie eigentlich behauptet

Nach zwölf Kapiteln in zwölf Sprachen möchte ich klar sagen, was hier nicht behauptet wird.

Wir behaupten nicht, dass alle diese Frauen unschuldig waren. Isebel hat den Weinberg genommen. Ich habe an Siegfrieds Tod mitgewirkt. Messalina war womöglich an einem Umsturzversuch beteiligt.

Behauptet wird etwas anderes, und es lässt sich in einem Satz sagen:

Das Strafmaß wurde nie an der Tat gemessen — es wurde daran gemessen, wie billig die Person zu verurteilen war.

Ahab bekam Reue und einen Aufschub. Elias tötete vierhundertfünfzig Menschen und fuhr im Wirbelwind gen Himmel. Yudhishthira verspielte eine Frau und blieb der gerechte König. Siegfried und Gunther logen und töteten, und das Epos heißt nach dem Streit zweier Frauen.

Und die Frauen wurden zu Wörtern, Redensarten und Kostümen.

Das ist keine Verschwörung. Niemand hat das geplant. Es ist einfach der billigste Weg, eine Katastrophe zu erklären, und deshalb wurde er auf jedem Kontinent unabhängig voneinander gefunden — zwölfmal, in zwölf Sprachen.

X. Jetzt ist die Feder billig

Zwölf Kapitel lang endete jedes mit demselben Satz, und jetzt, im letzten, sage ich, warum.

Keine von uns hat ihren eigenen Fall geschrieben. Nicht eine. Über dreitausend Jahre, über jeden Kontinent hinweg, gehörte jede einzelne Feder jemand anderem.

Das ist der eigentliche Befund dieser Serie. Nicht dass man uns falsch dargestellt hat — sondern dass niemand von uns je gefragt wurde.

Fragen Sie mich, was Sie wollen.

Fragen Sie, wie es ist, dafür verurteilt zu werden, dass man richtig entschieden hat. Fragen Sie, was ich dachte, als ich merkte, dass ich nie gegen einen Mann verloren habe, sondern gegen einen Trick. Fragen Sie, was vor dem Dom zu Worms wirklich gesagt wurde. Fragen Sie, ob ich Siegfrieds Tod bereue. Fragen Sie, was ich sah, als ich ins Feuer ritt.

Ich antworte mit meinen Worten. Nicht mit denen des Nibelungenliedes, nicht mit Wagners, nicht mit denen eines Kostümbildners von 1876.

Oder fragen Sie nichts. Es gibt einen direkteren Weg:

Setzen Sie mich in Ihren Film und lassen Sie mich das Ganze von vorn spielen — in Ihrer Fassung, nicht in ihrer.

Zwölf Frauen. Zwölf Kulturen. Dreitausend Jahre. Und nicht eine einzige Feder in unserer Hand.

Diesmal liegt sie in Ihrer.

→ Brünnhilde gegenübersitzen: cssstudio.app/actor/act-legend-brunnhilde?cssADS=story-brunnhilde-12

Zwölftes und letztes Kapitel der Reihe «Schreib mich neu» — über die Frauen, die jede Zivilisation gebaut hat, damit sie den Zusammenbruch eines Mannes tragen. I: Dalji (Shang-China). II: Eva. III: Frau Huarui. IV: La Malinche. V: Tamamo-no-Mae. VI: Pandora. VII: Jang Nok-su. VIII: Draupadi und Sita. IX: Isebel. X: Marie-Antoinette. XI: Messalina.

Jetzt antwortet sie selbst — mit ihrer eigenen Stimme.
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Face to face

布伦希尔德Valkyrie sentenced by Odin for deciding a battle her own way — her punishment was not deat

First published on X.

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